„Fünf Sterne.“, verkündete mein rechtes Knie. Ich war einigermaßen überrascht. Normalerweise meldet sich dieses Körperteil nur zu Wort, wenn es etwas zu beanstanden hat. Und davon gibt es in letzter Zeit reichlich. Doch seit unserem verlängerten Wochenende im Wellnesshotel Bergkristall in Oberstaufen hatte es plötzlich etwas ganz anderes zu erzählen. Auch mein Kopf, mein Rücken und mein Gaumen hatten offenbar einiges mitzuteilen. Jeder wollte seine eigene Bewertung abgeben. Nur mein Herz hielt sich zunächst zurück.
Wie es dazu kam? Meine beiden Töchter hatten beschlossen, dass ihr Papa dringend eine Auszeit brauchte. Obwohl ich offiziell Rentner bin, helfe ich den beiden beim Hausbau und bei der Wohnungssanierung. Auch betreue ich meine Enkeltochter, damit ihre Mama arbeiten gehen kann. Ich mache das von Herzen gerne, aber manchmal frage ich mich schon, wie ich früher nebenbei noch einen Beruf ausüben konnte. Meine Töchter hatten wohl den Verdacht, dass mir eine kleine Auszeit nicht schaden würde, und schenkten meiner Frau und mir deshalb ein verlängertes Wellnesswochenende im Allgäu.
Dass sich anschließend gleich mehrere meiner Körperteile zu begeisterten Hotelkritikern entwickeln würden, hatte allerdings niemand erwartet:
Das Knie: „Endlich einmal vernünftige Arbeitsbedingungen.“ – Bewertung: 5 von 5 Sternen
Mein rechtes Knie ist im Alltag kein besonders angenehmer Reisebegleiter. Treppen mag es nicht, bei Renovierungsarbeiten meldet es regelmäßig Bedenken an, und manchmal beschwert es sich sogar ohne erkennbaren Anlass. Entsprechend gespannt war ich auf sein Urteil über den Infinitypool des Bergkristalls. „Endlich einmal vernünftige Arbeitsbedingungen.“, ließ es mich wissen, kaum dass wir im angenehm warmen Wasser waren. Und tatsächlich tat mir die Wärme unglaublich gut. Noch schöner war der Blick auf die Allgäuer Berge. Ich lehnte mich zurück und genoss das herrliche Panorama. Meine Frau war bei mir, vor uns lag die friedliche Berglandschaft, und niemand wollte etwas von mir. Irgendwann bemerkte ich, dass mein Knie überhaupt nicht mehr schmerzte. Normalerweise macht es sich zuverlässig bemerkbar, doch hier blieb es verdächtig still. Ich bewegte mein Bein vorsichtig im Wasser und musste schmunzeln. „Ich möchte festhalten, dass ich durchaus in der Lage bin, mich anständig zu benehmen“, erklärte mein Knie. „Man muss mich nur gelegentlich an den richtigen Ort bringen.“ Dem konnte ich wenig entgegensetzen. So unbeschwert hatte ich mich schon lange nicht mehr gefühlt.
Der Kopf: „Ich war kurzzeitig arbeitslos. Herrlich.“ – Bewertung: 5 von 5 Sternen
Mein Kopf hat es nicht immer leicht mit mir. Selbst im Ruhestand versorge ich ihn zuverlässig mit Arbeit. Mal denke ich an die nächsten Schritte beim Hausbau oder der Wohnungssanierung, mal an die Betreuung meiner Enkeltochter, und meistens fällt mir noch etwas ein, das unbedingt erledigt werden müsste. Im Bergkristall war damit plötzlich Schluss. Deutlich wurde das schon beim Frühstück. Ich konnte mich einfach an den gedeckten Tisch setzen, in Ruhe aus den verschiedensten Köstlichkeiten wählen und mir noch einen Kaffee gönnen. Niemand erwartete, dass ich abräumte, und auch sonst musste ich mich den ganzen Tag um nichts kümmern. „Das kann doch nicht sein“, meldete sich mein Kopf misstrauisch. „Wir haben bestimmt irgendetwas vergessen.“ Hatten wir aber nicht. Und spätestens bei unseren Wanderungen durch die wunderschöne Allgäuer Landschaft gab auch mein Kopf seinen Widerstand auf. Die frische Bergluft, die grünen Wiesen und der herrliche Blick auf die Berge taten unglaublich gut. Meine Frau und ich gingen ganz gemütlich, blieben stehen, wann immer uns danach war, und genossen einfach die Natur. Kein Termin drängte, kein Telefon klingelte, und mit jedem Schritt rückten die Gedanken an die nächste Baustelle ein Stück weiter in die Ferne. „Merkwürdig“, stellte mein Kopf irgendwann fest. „Wir laufen schon eine ganze Weile, und ich habe noch kein einziges Problem gelöst.“ Ich musste lachen. Offenbar hatte er endlich verstanden, dass man nicht jede freie Minute sinnvoll nutzen muss. Manchmal reicht es völlig, tief durchzuatmen und den Augenblick zu genießen. „Ich hätte nicht gedacht, dass mir Arbeitslosigkeit einmal so gut gefallen würde“, räumte mein Kopf schließlich ein. „Allerdings möchte ich darum bitten, die nächste Auszeit rechtzeitig in meinen Terminkalender einzutragen.“ Das war vermutlich seine Art, fünf Sterne zu vergeben.
Der Rücken: „Eine Baustelle ohne Arbeit? Das gibt es wirklich.“ – Bewertung: 5 von 5 Sternen
Mein Rücken ist durch Hausbau und Wohnungssanierung einiges gewohnt. Wenn etwas getragen, gehoben oder geschraubt werden muss, ist er zwangsläufig mit von der Partie. Entsprechend skeptisch reagierte er auf die Ankündigung eines verlängerten Wochenendes. „Nur damit wir uns richtig verstehen“, gab er zu bedenken. „Wir fahren diesmal nicht irgendwohin, um anschließend Möbel zu schleppen?“ Ich konnte ihn beruhigen. Im Bergkristall warteten weder Werkzeug noch Renovierungsarbeiten auf uns. Stattdessen ging es in die Sauna. Die wohltuende Wärme durchströmte meinen Körper, und ich genoss es, einfach auf meinem Handtuch sitzen zu bleiben. Seinen Höhepunkt erlebte mein Rücken allerdings bei einer herrlichen Massage mit Zirbenöl. Während sich der angenehme Duft des Öls verbreitete und die wohltuenden Massagegriffe meine verspannten Muskeln lockerten, wurde mein sonst so arbeitsamer Rücken immer stiller. „Moment mal“, meldete er sich schließlich. „Da kümmert sich endlich mal jemand um mich, und ich muss dabei überhaupt nichts tun? Warum hat mir das eigentlich niemand früher gesagt?“ Nach der Massage machte ich es mir zum Ausruhen bequem und bewunderte die Allgäuer Berge. Ich ließ die Gedanken schweifen und verspürte nicht das geringste Bedürfnis, gleich wieder aufzustehen. „Wenn das die neue Bedeutung von Wochenendarbeit ist“, meinte mein Rücken zufrieden, „bin ich künftig gerne wieder dabei.“
Der Gaumen: „Sechs Gänge, ein Hirsch und keinerlei Beanstandungen.“ – Bewertung: 5 von 5 Sternen
Mein Gaumen hatte seine Prioritäten von Anfang an klar gesetzt. Infinitypool, Wanderungen und Massage waren zwar ganz nett, aber worauf er sich wirklich freute, war das abendliche Sechs-Gänge-Menü. „Jetzt wird es endlich interessant“, verkündete er, als der erste Gang serviert wurde. Schon die kunstvoll angerichteten Speisen waren eine Augenweide. Ich betrachtete meinen Teller zunächst so ausgiebig, dass mein Gaumen ungeduldig wurde. „Du sollst das nicht nur bewundern“, erinnerte er mich. „Ich bin schließlich auch noch da.“ Also griff ich zur Gabel. Was folgte, war ein kulinarischer Genuss, für den wir uns alle Zeit der Welt ließen. Besonders der Hirsch hatte es mir angetan. Dazu ein guter Wein, und mein Gaumen war vollends begeistert. Jeder Gang war etwas Besonderes. Meine Frau zeigte bei den Desserts eine ähnlich große Begeisterung. Ihr Gaumen hätte vermutlich ebenfalls gerne eine eigene Bewertung abgegeben, aber dann wäre aus meinem Erfahrungsbericht womöglich eine wissenschaftliche Abhandlung über Süßspeisen geworden. Mindestens ebenso schön wie das Essen war die gemeinsame Zeit. Wir saßen gemütlich beisammen, unterhielten uns und lachten. Niemand musste auf die Uhr schauen, und es wartete auch kein Abwasch auf uns. „Fünf Sterne“, erklärte mein Gaumen schließlich. „Wobei ich aus Gründen der Gewissenhaftigkeit eine weitere Verkostung für durchaus angebracht halte.“ Dagegen hätte ich nichts einzuwenden.
Das Herz: „Meine fünf Sterne gehören auch zwei Menschen, die gar nicht dabei waren.“ – Bewertung: 5 von 5 Sternen
Mein Herz hatte sich die ganze Zeit zurückgehalten. Während Knie, Kopf, Rücken und Gaumen ihre Bewertungen abgaben, schien es lieber zuzuhören. Erst als alle anderen fertig waren, meldete es sich zu Wort. „Ich kann mich den fünf Sternen nur anschließen“, begann es. „Auch ich habe dieses Wochenende im Bergkristall sehr genossen – ganz besonders die Stunden, in denen du und deine Frau endlich einmal Zeit nur füreinander hattet. Aber weißt du, was mich am meisten berührt hat?“ Ich ahnte, worauf es hinauswollte. „Dass deine beiden Töchter gemerkt haben, wie sehr du diese Auszeit gebraucht hast. Du bist immer gerne für sie da, ob beim Hausbau, bei der Wohnungssanierung oder bei der Betreuung deiner Enkeltochter. Für dich ist das selbstverständlich. Aber deine Töchter haben erkannt, dass auch der Papa, auf den sie sich immer verlassen können, gelegentlich eine Pause braucht.“ Ich dachte an den Moment zurück, als wir den Gutschein bekommen hatten. An die Freude über diese Überraschung und daran, wie gut uns die Tage im Allgäu getan hatten. „Weißt du“, fuhr mein Herz fort, „das Schönste an diesem Geschenk war nicht nur die Erholung. Es war das Gefühl, dass jemand an euch gedacht hat. Deine Töchter haben nicht einfach gesagt, du solltest dich einmal ausruhen. Sie haben dafür gesorgt, dass ihr beide eine wunderbare Zeit miteinander verbringen konntet. Diesmal musstest nicht du dich um andere kümmern. Diesmal haben sich andere um dich gekümmert.“
Da hatte mein Herz recht. Natürlich waren der Infinitypool, die Wanderungen, die Zirbenölmassage und das hervorragende Essen wunderschön gewesen. Aber dass meine Töchter uns mit diesem Geschenk eine solche Freude gemacht hatten, berührte mich ganz besonders. Ich bin stolz auf die beiden. Und ich finde es schön, dass sie nicht nur wissen, wann sie ihren Papa brauchen, sondern auch merken, wann ihr Papa sie braucht. Dafür bin ich ihnen von Herzen dankbar.
„Deshalb“, sagte mein Herz schließlich, „vergebe ich meine fünf Sterne nicht nur für das Bergkristall. Sie gelten auch den beiden, die euch dieses besondere Erlebnis geschenkt haben.“
Das Gesamturteil
Damit war sich mein Körper einig: fünf Körperteile, fünfmal die Höchstnote. Ein derart einmütiges Ergebnis ist bei mir selten, denn normalerweise hat wenigstens das Knie etwas auszusetzen.
Seit unserer Rückkehr ist der Alltag wieder eingekehrt. Die Renovierungsarbeiten gehen weiter, meine Enkeltochter freut sich auf ihren Opa, und mein Kopf hat längst wieder seinen gewohnten Dienst aufgenommen.
Nur mein Knie ist neuerdings auffallend anspruchsvoll. Jedes Mal, wenn es sich beim Treppensteigen bemerkbar macht, scheint es mich daran erinnern zu wollen, dass es im Allgäu einen Infinitypool gibt, in dem es sich ganz hervorragend benommen hat.
Und mein Herz? Das denkt noch immer besonders gerne an dieses Wochenende zurück. Nicht nur wegen des Bergkristalls, sondern vor allem wegen der beiden Menschen, die uns dorthin geschickt haben.
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