Wellness Erlebnis
18.08.2026
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Bedienungsanleitung für Führungskräfte nach 365 Tagen Dauerbetrieb
Reparatur: 845 € zzgl. Versandkosten. Ich stehe erschöpft beim MZ Computerservice. Zwei Tage zuvor hatte ich mein Notebook hastig zugeklappt und übersehen, dass die getackerte Ecke meiner Vertragsausarbeitung noch auf dem Topcase lag. Die Heftklammer geriet zwischen Display und Gehäuse und brachte das Display beim übereilten Zuklappen zum Springen. Die horizontalen, flimmernden Streifen auf dem unteren Displayabschnitt ließen nichts Gutes erahnen. Stunden später wurde der Bildschirm komplett schwarz.
845 €. Ich muss schlucken, habe jedoch keine Wahl. „Ja, ich möchte die Reparatur in Auftrag geben. Mit welcher Wartezeit muss ich rechnen, bis mein Notebook repariert ist?“ Ich fülle ein Formular aus und versichere mit meiner Unterschrift, dass ich ein Backup durchgeführt habe, falls es beim Systemupdate zu Problemen kommt und ein Zurücksetzen auf Werkseinstellungen nötig wird.
Ich lasse mich erschöpft auf den Fahrersitz meines Autos fallen und atme tief aus. Müde lege ich meine Stirn aufs Lenkrad. Die 365 Tage als Führungskraft im Dauerbetrieb scheinen nicht nur meinem Notebook einiges abverlangt zu haben, sondern auch meinem Körper. Ich nehme keine flimmernden Querstreifen in meinem Sichtfeld wahr. Noch nicht. Das Kleingedruckte des Reparaturauftrags gibt mir nachträglich zu denken. Kann ich mich selbst auf Werkseinstellungen zurücksetzen? Und falls ja: Wie sieht meine Grundkonfiguration eigentlich aus?
1. INBETRIEBNAHME – 01.08.2025
Das Modell „Führungskraft 1.0“ wird in Betrieb genommen. Akkustand: 100 %. Arbeitshaltung: Hochmotiviert. Ins Netzwerk eingebunden. Arbeitsspeicher: genügend GB vorhanden. Desktop: ordentlich eingerichtet. To-Do-Liste: Vorhanden. Keine Fehlermeldung.
Ich hatte mich immer für eine Frau gehalten, die sehr strukturiert arbeiten und priorisieren kann. Seit meinem Studium hatte ich keine Probleme gehabt, To-do-Listen zu erstellen und abzuarbeiten. Nach bereits zwei Wochen in meinem neuen Job spürte ich, dass eine Liste für all die anstehenden Aufgaben nicht ausreichen würde. Neben der Hauptliste mit drei Prioritätsspalten gab es schnell eine weitere To-Do-Liste in Goodnotes und unzählige Post-It-Zettel, die auf meinem Schreibtisch klebten. Ich lernte schnell, was Menschen mit der Redewendung „Ins kalte Wasser werfen“ meinten, beispielsweise spontane Meetings mit allen Abteilungsleitungen und alle Blicke auf mich gerichtet. Was wird sie sagen? Wie ordnet die Neue die Situation ein? Und eine Arbeitszeit, die sich wöchentlich zwischen 50 und 60 Stunden bewegt.
WARNUNG: Es wurden 17 Aufgaben mit Priorität HOCH gefunden.
FEHLER: Priorität HOCH kann nicht 17-mal gleichzeitig vergeben werden.
MAXIMALE SYSTEMLAST: mit 65 Arbeitsstunden überschritten
2. SYSTEMSTATUS NACH 365 Tagen – 01.08.2026
SYSTEMSTATUS: 37 Prozesse | 3 To-do-Listen | 68 ungelesene Nachrichten | 7 Entscheidungen ausstehend | CPU 97 % | AKKU 12 % | Letzter vollständiger Neustart: unbekannt | WARNUNG
Ich spüre, dass nach einem Jahr viele Hintergrundprozesse bei mir auch nachts laufen. Mein Speicher ist voll und hätte ich eine Akku-Anzeige, würde hier die Warnung auftauchen „Bitte Ladegerät anschließen“. Ich spüre, dass das anstehende Wochenende nicht mehr reicht, um meinen eigenen Akku wieder vollständig zu landen.
WERKSEINSTELLUNGEN WIEDERHERSTELLEN?
[ABBRECHEN] [JA, BITTE]
[JA, BITTE].
RESET-PROGRAMM GESTARTET. Geschätzte Dauer: 12 h | Ort: Hubertus Mountain Refugio Allgäu |
08:00 Uhr – „Führungskraft 40.0“ vom Unternehmensnetzwerk trennen | Smartphone in Flugmodus | Check-In zum Day-Spa im Hubertus
08:17 Uhr - Energiezufuhr durch Holistic Food, ein Glas Sekt und frisch gemachte Dinkelwaffeln mit Obst
09:12 Uhr - ursprüngliche Betriebstemperatur erreicht | natürliche Regulation des überhitzten Systems durch Abkühlung im Außenpool erreicht
10:47 Uhr – Hintergrundprozesse werden beendet | Fokussierung auf die Öffnung der Seerosen während der Schatten des Spa-Gebäudes mehr und mehr verschwindet
12:30 Uhr – weitere Energiezufuhr durch Light Lunch auf der Restaurantterrasse angezeigt | theoretisch optional, praktisch: ein Genuss | Ladezustand des Akkus: Übergang von rotem zu orangem Bereich erreicht
14:08 Uhr – keine Aktion erforderlich | Powernap am Seerosenteich: genehmigt
14:34 Uhr – System registriert erste Gedankenlücke | ungewohnt | wird positiv eingestuft
16:29 Uhr – System beobachtet blaue Libellen.
16:30 Uhr – System beobachtet weiterhin Libellen.
16:53 Uhr – immer noch.
Libellen.
Wind.
Wasser.
Nichts.
Ich liege unter einem roten Sonnenschirm am Seerosenteich.
Drei blaue Libellen schwirren federleicht über die geöffneten Seerosen. Die Sonne wärmt meine Haut. Ab und zu streicht ein warmer Windhauch über meinen Rücken.
Seit fast einer halben Stunde schaue ich ihnen einfach nur zu.
Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das in den vergangenen 365 Tagen zuletzt getan habe:
Nichts entscheiden.
Nichts planen.
Nichts priorisieren.
Nicht einmal darüber nachdenken, was ich als Nächstes tun sollte.
Einfach nur da sein.
Und Libellen beim Fliegen zusehen.
19:30 Uhr – Fehlermeldung: KEINE | Keine Entscheidung erforderlich | Keine Priorisierung nötig | Aktive To-do-Listen: 0
WERKSEINSTELLUNGEN WERDEN WIEDERHERGESTELLT
NEUSTART ERFOLGREICH
Natürlich sind meine drei To-do-Listen damit nicht verschwunden. Die 55-Stunden-Woche ließ sich leider nicht deinstallieren. Und morgen werden vermutlich wieder mehrere Aufgaben gleichzeitig behaupten, Priorität HOCH zu besitzen. Aber nach zwölf Stunden habe ich endlich die Antwort auf die Frage gefunden, die mir seit dem Reparaturauftrag meines Notebooks durch den Kopf ging: „Was ist meine Grundkonfiguration?“
Nicht 37 Prozesse gleichzeitig. Nicht maximale Auslastung. Nicht permanente Erreichbarkeit.
Sondern:
Wahrnehmen.
Sonne auf der Haut.
Warmen Wind.
Wasser.
Eine blaue Libelle.
Und genügend Zeit, ihr beim Fliegen zuzusehen.
HUBERTUS Mountain Refugio Allgäu